Ein ovaler, hellbrauner Gedenkstein liegt auf einer dunklen Steinplatte im Freien, umgeben von feuchtem Laub und Erde. Auf dem Stein stehen handschriftlich wirkende schwarze Inschriften und florale Zeichnungen. Lesbarer Text: „Henriette Weidenbaum“, links „Gersauer Nr. 18 CH“, rechts „Deportiert 1942 Theresienstadt 1942 Treblinka ermordet“. Der Stein ist mit gezeichneten Blumen und Blättern verziert und wirkt wie ein persönliches Erinnerungszeichen an ein Opfer des Holocaust.

Ein Gedenkstein gegen das Vergessen: Schülerinnen erinnern an jüdisches Schicksal

Laura Schneider und Marie Mai, ehemalige Schülerinnen der Stemweder-Berg-Schule in Wehdem, hatten den Gedenkstein gestaltet, nachdem sie im Unterricht auf das Schicksal der jüdischen Frau aus Dielingen gestoßen waren. Die bewegende Lebensgeschichte Henriette Weidenbaums, die mit Entrechtung und schließlich dem grausamen Tod endete, ließ die Schülerinnen nicht mehr los. „Laura und Marie hatten aus eigenem Antrieb entschieden, ein Zeichen der Erinnerung zu setzen und den Stein gestaltet“, berichtet Lehrerin Jule Mertens. Mit ihren damaligen Zehntklässlerinnen und -klässlern hatte sich die Lehrerin im Unterricht intensiv mit Zeitzeugenberichten von Holocaust-Überlebenden sowie mit regionalen Biografien beschäftigt.

Fünf Personen stehen dicht beieinander auf einem gepflasterten Weg auf einem Friedhof. Sie blicken ruhig und ernst in die Kamera und tragen winterliche Kleidung wie Mäntel und Jacken. Im Vordergrund links befindet sich ein kleines, rechteckiges Beet mit dunkler Erde; darin liegt ein ovaler, beschrifteter Gedenkstein auf einer schwarzen Platte. Umgeben ist das Beet von niedrigen Steinmauern und sorgfältig geschnittenen grünen Sträuchern. Im Hintergrund sind weitere Grabstätten, Bäume ohne Blätter und ein Gebäude zu sehen. Der Himmel ist grau und bewölkt, die Atmosphäre wirkt still und würdevoll.
Laura Schneider (Mitte) und Marie Mai (fehlt auf dem Foto) haben den Gedenkstein entworfen, der nun auf dem Friedhof in Dielingen an das Leben und das Schicksal von Henriette Weidenbaum erinnert. Im Bild zusammen mit Lehrerin Jule Mertens (2.v.re.), Steinmetzin Claudia Tonschek, Bürgermeister Kai Abruszat (2.v.li) und Manfred Südmeyer von der Gemeindeverwaltung.

Den naturbelassenen, hellbraunen Kieselstein haben die Schülerinnen mit einer floralen Zeichnung verziert. Zudem erinnern in handgeschriebener, schwarzer Schrift der Name und eine schlichte Inschrift an das Leben und das Leid von Henriette Weidenbaum. Damit der Stein einen würdevollen Platz findet, hat die Stemweder Steinmetzin Claudia Tonschek eine schwarze Steinplatte zur Verfügung gestellt und den Stein darauf befestigt. Seinen Platz gefunden hat der Gedenkstein nun auf dem Dielinger Friedhof im Bereich des großen Kreuzes.

„Es ist ermutigend zu sehen, wie intensiv sich junge Menschen mit unserer Geschichte auseinandersetzen und daraus ein Zeichen des Gedenkens schaffen“, lobt Stemwedes Bürgermeister Kai Abruszat das Engagement von Laura Schneider und Marie Mai. „Dieser Stein ist ein stiller, aber eindringlicher Hinweis darauf, wohin Ausgrenzung, Hass und Menschenverachtung führen können. Die Art der Darstellung zeigt große Sensibilität und ein bemerkenswertes historisches Verständnis. Hier wurde mit viel Feingefühl und Respekt eine Form des Gedenkens gewählt, die der Würde des Opfers in besonderer Weise gerecht wird.“ Der Gedenkstein sei nicht nur ein Symbol für die Erinnerung an ein individuelles Schicksal, sondern auch ein Ausdruck dafür, wie wichtig es ist, dass sich jüngere Generationen aktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Henriette Weidenbaum:
Henriette Weidenbaum wurde 1887 geboren und lebte viele Jahre in Dielingen, als Mieterin bei einem nichtjüdischen Paar. Ein Arzt befand, dass sie im Vergleich zu dem Ehepaar zu großzügig wohnen würde. Nachdem sie wegen einer Herzmuskelschwäche 1937 ins Krankenhaus kam, wurde sie zum Umzug gedrängt. Verschiedene Vermieter und Altenheime verweigerten die Aufnahme. 1940 wurde Henriette Weidenbaum in einem jüdischen Altenheim in Unna aufgenommen. Von dort wurde sie 1942 nach Theresienstadt deportiert und im Vernichtungslager Treblinka ermordet. In Unna erinnert ein Stolperstein an die langjährige Dielingerin. Diese Tatsache hatte die beiden Stemweder Schülerinnen dazu bewogen, einen eigenen Gedenkstein zu entwerfen.

Das Schicksal von Henriette Weidenbaum ist zudem im Buch „Nachbarn wie wir“ nachzulesen, das u.a. in der Tourist-Info im Amtshaus in Levern zu erwerben ist. Das Buch behandelt die umfassende Recherche vieler Akteure der Stemweder Heimatpflege zu Ereignissen und Schicksalen aus der Nazi-Zeit im heutigen Stemwede.

In der kommenden Woche – am 27. Januar 2026 – erinnert die Gemeinde Stemwede an den 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Ausschwitz. In der LWL-Klinik Schloss Haldem treffen sich u.a. Mitglieder des Gemeinderates zu einer Gedenkzeremonie zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.