Blättern in der Vergangenheit | 06.03.2012
Tag der offenen Tür im Stadtarchiv lässt Besucher auf Zeitreise gehen / Archivarbeit vorgestellt
VON THOMAS MERTEN
Lübbecke. Es bedarf nur einer flinken Handbewegung am Rad – schon gleitet das tonnenschwere Regal im Lübbecker Stadtarchiv lautlos zur Seite und gibt Bücher, Ordner und Urkundensammlungen preis. „Mehr als 1.000 Kilogramm lasten hier auf einem Quadratmeter Boden“, erzählte Christel Droste gestern beim Tag der offenen Tür.
„So eine Katastrophe wie 2009 in Köln, als das Stadtarchiv beim U-Bahnbau einstürzte, ist in Lübbecke zum Glück unwahrscheinlich“, fuhr sie fort. Die Archivarin brachte den Besuchern auf einer Führung ihre Arbeit näher. Im Fokus stand der Weg vom gefundenen Dokument bis zu dessen Konservierung und Katalogisierung. „Jedes einzelne Blatt in dieser Sammlung ist durch unsere Hände gegangen“, sagte Droste. Dabei werde jedes Fundstück mit Signatur und Nummer versehen, damit es schnell zu finden ist. „Manchmal müssen wir Schriftstücke konservieren lassen.“ Dies treffe besonders auf Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg zu, die einen hohen Säuregehalt aufweisen. Sie werden in Köln kostspielig entsäuert.
Droste kennt ihren Arbeitsplatz wie ihre Westentasche. Nur kurz einen Ordner aufgeschlagen, schon ist das gesuchte Dokument gefunden, in diesem Falle eine Stemweder Akte, die von einem Granatsplitter an der Seite zerfetzt wurde. „Hier kann natürlich kein Restaurator mehr helfen – dennoch blieben viele Informationen erhalten.“
Der Arbeitsalltag eines Archivars ist gut gefüllt – ständig kommen neue Schriftstücke hinzu. „Allein eine Tageszeitung füllt mit ihren Ausgaben pro Jahr zwölf Sammelbände. Die Mitarbeiter der Stadt dürfen ohne Erlaubnis des Archivs im Prinzip keine Dokumente vernichten“, erzählt Droste.
Neben der alltäglich neu geschriebenen Geschichte, die die Archivarin und ihre Mitarbeiter verwahren, beschäftigt sich Stadtarchivar Helmut Hüffmann mit der Vergangenheit Lübbeckes. Er lud zu einer Stadtführung mit dokumentarischer Begleitung ein.
„In der Zeit des Mittelalters und danach war Lübbecke streng in kirchliche, adelige und bürgerliche Höfe eingeteilt“, erklärte er und fuhr mit dem Finger auf einer alten Karte entlang. Lange Zeit seien die Bürgermeister Adelige gewesen. „Erst mit der Reformationszeit wurden die Bürger mächtiger, sie wollten mitbestimmen.“ Daher hatte Lübbecke seit 1580 zwei Bürgermeister – einen adeligen und einen bürgerlichen.
Ganzer Stolz des Archivs ist die umfangreiche Urkundensammlung, deren älteste Exemplare bis ins achte Jahrhundert zurückgehen. „Das Tolle an Urkunden: Selbst wenn mal eine vernichtet wird oder verloren geht, gibt es immer weitere Exemplare“, so Hüffmann. Die Schriftstücke wurden für beide Parteien ausgestellt und häufig noch einmal abgeschrieben. Deshalb sei es auch nicht so schlimm, dass die erste Bürgerliste Lübbeckes von 1608 im Jahre 1705 bei einem Brand beschädigt wurde.
Beeindruckt zeigten sich die Besucher vom recherchierten Wissen des Archivars. So wusste Hüffmann zu berichten, dass der Rat auch die Richtbarkeit innehatte – bis hin zur Verhängung der Todesstrafe. Darüber hinaus habe Lübbecke lange keine eigene Post gehabt. „Eine Privatisierung des Postwesens, heute ein großes Thema, war damals völlig normal“, sagte Hüffmann. Erst durch königliches Eingreifen wurde das Botensystem verstaatlicht.
Es ist besonders die lokale Geschichte, die die Menschen ins Archiv lockt. So auch Günter Hartmann: „Wenn man danach durch Lübbecke geht, sieht man die Stadt mit ganz anderen Augen“, sagte der Lübbecker.
Quelle: Neue Westfälische, 05.03.2012
Bildrechte: Neue Westfälische
